Werkstoff: Halbmarmor, Österreich
Maße: ca. 210 x 60 x 50 cm
Jahr: n.n.
– verkauft –
Sonnenvogel
Die Entstehungsgeschichte der Skulptur „Sonnenvogel“
Wenn die Zeit für eine neue Skulptur gekommen ist, mache ich mich auf die Suche nach einem neuen Block. Wenn ich ihn nicht durch Zufall finde, habe ich Orte, an die ich gehe. Einer davon ist das Lager eines Steinhändlers in Mainz, der vor allem Landschaftsgärtner mit originellen und dekorativen Steinen beliefert. Bildhauer kommen hier eher selten hin, denn die Steine sind oft zu inhomogen und bröckelig.
Auf dem Verkaufsgelände fand ich nichts interessantes, aber ein stückweit außerhalb, am Rande des Geländes, auf einer Art Abraumhalde, lag ein länglicher Brocken grauen Gesteins, das mich neugierig machte. Ich kaufte ihn aber noch nicht.
Das geschah einige Monate später. Ich ließ ihn an die Bildhauerwerkstatt liefern, in der ich damals tätig war. Auf der Rechnung stand „Grauwacke“ als Material, Herkunft Österreich, nach Meinung von Experten handelt es sich aber um Kalkstein als Vorstufe von Marmor, ein sogenannter „Halbmarmor“, was sich beim Anschleifen zeigte.
Der Block aufgerichtet hatte die Größe und Umrissgestalt eines Menschen, liegend erinnerte er mich an einen ägyptischen Sarkophag. Wie so oft gab es eine Anfangseingebung: zu diesem Stein war es der Ort, für den die Skulptur bestimmt sein könnte.
Und zu diesem Ort, den ich sehr gut kannte, stellte sich mir die Frage: Was soll die Skulptur dort repräsentieren, wofür soll sie ein Sinnbild sein?
Mit der Ortsvorstellung und dieser Frage begann ich den Block zu bearbeiten. Wenn mich jemand fragte: „Was soll das werden?“, sagte ich: „Ich weiß es noch nicht. Aber es soll etwas werden, das dazu einlädt, es anzufassen, zu berühren, mit allen Sinnen damit in Verbindung zu treten.“
So bearbeitete ich den Stein monatelang in der mir bekannten Weise von allen Seiten, achtete auf Klang, lockere Stellen, Farben, Geruch, im Material angelegte und durch meine Arbeit entstehende Formungen. Der Block war an vielen Stellen schieferartig bröselig, und konnte dort nur sehr behutsam bearbeitet werden, an den beiden Stirnseiten aber unglaublich fest und unnachgiebig. Dort brauchte es alle Kraft und viel Geduld, um Material abzutragen.
Bei meinen Bildhauerkollegen in der Werkstatt wurde der Block inzwischen nach seiner äußeren Form als „die Bank“ bezeichnet.
Dann geschah etwas, was ich nicht vorhergesehen hatte: Ich zerstritt mich mit dem Besitzer der Werkstatt, und musste mir in kurzer Zeit einen neuen Platz suchen. Das war einerseits eine Chance, endlich zu einem eigenen Atelier zu kommen, andererseits konnte ich den großen Block nicht dorthin mitnehmen.
Der Ort
Ich fragte also an dem Ort an, den ich sowieso im Sinn hatte für die Skulptur (so sie denn fertig würde), ob ich den Stein nicht dort, vor Ort, im Garten fertigstellen könnte – und rannte damit offene Türen ein. Die Leitung war begeistert und zahlte sogar den Transport des Blocks dorthin.
Über den Winter lag der halb bearbeitete Block also im Garten der Akademie Gesundes Leben in Oberursel-Oberstedten, wo ich seit vielen Jahren als Dozent mit meinen Augenschule-Seminaren und –Kursleiterausbildung tätig war.
Im Frühjahr und von Zeit zu Zeit das ganze nächste Jahr über bearbeitete ich ihn dort. In den Pausen des Seminarbetriebes kamen Kursteilnehmer-innen, Dozent-innen und Mitarbeiter-innen oder der Nachbar und schauten zu. Manchmal in respektvollem Abstand, manchmal, in meinen Pausen, mit interessanten Fragen. Eben nicht nur: „Was soll das werden?“, sondern auch über Kunst und den schöpferischen Prozess als solchen. „Wie kannst du so lange an so einem großen Steinblock arbeiten, ohne zu wissen, was er werden soll?“ „Ich vertraue auf meine innere Führung“. Die kam aber nicht. Vielleicht war ich durch die vielen ungewohnten Beobachter-innen auch abgelenkt.
Die Osterpause des folgenden Jahres nahte, und der Seminarbetrieb ruhte. Für zwei Wochen war ich zusammen mit dem Gärtner allein auf dem Gelände. In dieser Zeit wollte ich die Skulptur endlich vollenden. Falls der Steinblock mir nicht enthüllen wollte, welche Skulptur er in sich barg, würde er eben eine dekorativ gestaltete Gartenbank zum draufsitzen oder zum Anschauen werden.
Die Eingebung
Daraufhin träumte ich an drei Tagen hintereinander immer neue Details und Aspekte der Skulptur. In der ersten Nacht träumte ich die äußere vogelähnliche Form mit langgestrecktem Körper, den Vogelkopf erhoben. Zu beiden Seiten seines Kopfes und an den Seiten des Körpers (der fast menschliche Gestalt hatte) waren Symbole.
In der zweiten Nacht hatte ich einen Klartraum. Ich wurde von zwei mythischen Wesen in die tiefste Höhle der Welt geführt. Sie führte in tiefster Dunkelheit bis zum Mittelpunkt der Erde. Dort, am Ende der Höhle, war ein blendend helles Licht wie von einer Sonne. Es war ein unbeschreibliches Gefühl einer starken Präsenz von bedingungsloser Liebe. Voller Dankbarkeit ging ich den Weg zurück und wurde wach. Es war Mitternacht.
In der dritten Nacht hörte ich eine Stimme sagen: Herz der Sonne – Herz des Menschen – Herz der Erde. Immer wieder.
Tagsüber kreiste eine Bussardfamilie über dem Garten, über meinem Kopf und über der fertig werdenden Skulptur.
Der Name „Sonnenvogel“ für die Skulptur kam mir nach der Fertigstellung in den Sinn, unter dem Eindruck des Erlebnisses des Sehens der inneren Sonne im Herzen der Erde und der über mir und der fertig werdenden Skulptur kreisenden Bussardfamilie.
Ich recherchierte dann in der darauf folgenden Zeit über Sonnenvögel in der Mythologie und über die Symbole des Horusauges (im Kopf der Skulptur eingearbeitet) und das der Schlange (die sich die linke Körperseite der Skulptur entlangwindet und in das linke Auge des Sonnenvogels blickt), die mir ebenfalls als Traumbilder erschienen waren.
Der Mythos des Sonnenvogels
In den Mythologien vieler Völker gibt es Sonnenvögel:
Der indische Garuda, der Gegenspieler der Schlange Kadru;
Der Donnervogel der Indianervölker, ein Götterbote, der leuchtende Schlangen als Blitze mit sich trägt;
Im Persischen der mythische Vogel Saena oder Simurgh, dessen abendländische Entsprechung der Phönix ist;
Bei den Azteken Tonatiuh, was übersetzt „aufsteigender Adler“ bedeutet;
Dieser hier hat viel vom ägyptischen Horus, der die Sonnenbarke von Ra, der Verkörperung der Sonne, zusammen mit anderen Gottheiten in jeder Nachtfahrt durch verschiedene Abenteuer leitet, und aus der Begegnung mit der Weltenschlange Apophis, in die er sich zeitweise verwandelt, Kraft für Erneuerung findet.
Horus hat ein Sonnenauge und ein Mondauge, das über magische Kräfte verfügt.
In der Mythologie ist der Sonnenvogel ein verbindendes Symbol zwischen dem Numinosen und dem Irdischen, zwischen Geist und Materie.
Diese Symbolik kommt auch im folgenden Gedicht zum Ausdruck (das meine Seminarleiter-Kollegin Monika Mootz bei der Enthüllungszeremonie vorgetragen hat):
Gedicht: DER SONNENVOGEL
Alfons Petzold
Alle Tage sitzt er groß und golden
ernst vor mir und singt sein schweres Lied;
unter ihm die bunte Schar der Dolden
nonnenstumm in tiefer Andacht kniet
Nach dem mächtigen Schwunge seiner Flügel,
der ihn trägt vom Land der tausend Hügel
in mein enges Gartenreich,
thront er unbeweglich und gelassen
mitten in der Äste dichten Massen,
als ein Gott und Betender zugleich,
Abends, wenn die ungeheure Ferne
sich zum kleinen Raum zusammen zieht,
rauscht er kaiserlich empor, die Sterne
siehst du zittern dann vor seinem Lied.
Der Sonnenvogel als Ganzheitssymbol
Für mich ist der Sonnenvogel ein Ganzheitssymbol. Er ist als Skulptur das Ergebnis eines über zwei Jahre dauernden Dialoges zwischen einem mit allen Sinnen wahrgenommenen Stücks Natur– einem Steinblock – und einer (meiner) Innenwelt. In diesem Dialog fand eine Durchdringung statt: Im bildhauerischen Prozess durchdringen sich Psyche und Materie, und erweitern und verwandeln sich gegenseitig. Die Skulptur hat den Ort ihrer Aufstellung in gewisser Weise selbst gewählt, denn es mussten sich eine ganze Reihe von Zufällen ereignen, damit sie hier, in der Akademie Gesundes Leben in Oberursel-Oberstedten, wo ich fast 30 Jahre als Dozent wirken durfte, sein darf: Angefangen von meiner Anfangsintuition, die sich auf den Ort bezog; dann auf die unerwartete Kündigung meines bildhauerischen Arbeitsplatzes in Ffm-Niederursel; bis zur Erlaubnis der Akademieleitung, die Skulptur vor Ort im Garten der Akademie vollenden zu können. Und jetzt? Ist sie dort und zeigt sich, und führt ein stilles Eigenleben.
Der ein oder die andere Kursteilnehmer-in verspürt den Wunsch, sie zu berühren, manche Gruppen bilden einen Kreis um sie herum, nutzen sie zum Anlehnen, setzen sich darauf, legen sich darauf. Der Sonnenvogel ist berührbar, und er berührt. Wer will, kann es mit allen Sinnen erspüren.





