Das Lächeln des Marmorfisches I und II

Das Lächeln des Marmorfisches

Fünfzehn Millionen Jahre alt
und aufgetaucht nach langem Schlaf
im Schweizer Marmorbruch.

Hinter Eiger, Mönch und Jungfrau
schliefst du jahrhundertelang
bis du dich zeigtest
den Suchenden im Steinbruch.

Bist nicht gelandet
im spätbarocken Bürgerhaus,
zierst nicht die Universität in Bern
wie deine Geschwister –
nein, bist geblieben
verborgen im Schutt,

bis einer dich fand
und die Gestalt
aus dir befreite.

Du wahrst dein Wissen
um Vergänglichkeit und Wandel.
Lächelnd.

Edith Rosenbauer

Marmorfisch II
oder Gefunden (frei nach J. W. v. Goethe)

Du gingst im Steinbruch so vor dich hin,
um nichts zu suchen, das war dein Sinn.

Am Wege lag dort ein Stein so schön,
zu schön, um daran vorbeizugehn.

Du wollt´st ihn heben, da sprach er fein:
Kann ich bei dir denn zuhause sein

Ganz fest nahmst du ihn in deine Hand,
und gabst ihm Heimat im fremden Land.

Geschliffen zeigt er nun die Gestalt,
die in ihm ruhte, so neu, so alt.

Edith Rosenbauer